

Im Herbst bereiste Stefanie Anderegg, Travel Expertin für Afrika und den Indischen Ozean, Madagaskar auf einer Reise durch abgelegene Landschaften und faszinierende Naturreservate entlang der Westküste. Besonders beeindruckt haben sie die herzliche Gastfreundschaft der lokalen Bevölkerung sowie die Vielfalt der Erlebnisse – von der Flusskreuzfahrt auf dem Tsiribihina über die spektakulären Tsingys bis zu den traumhaften Buchten an der Küste.
Zum dritten Mal zieht es mich nach Madagaskar, diese einzigartige Insel, meine Herzensdestination. Diesmal geht es auf einer längeren Reise unter anderem in den Westen, auf abenteuerlichen Holperpisten der Küste entlang.
Beim Besuch im AVIMA Projekt, wo man in einem einfachen Gästehaus im Dorf empfangen wird, erleben mein Reisegspändli und ich gleich einen ersten Abend voller Herzlichkeit. Leckeres, traditionelles Essen mit Zutaten von den umliegenden Feldern wird serviert. Umrahmt von Tanz und Gesang der Leute vom Dorfverein, von jung bis alt. Wir lassen uns mitreissen und versuchen uns zusammen im Fischli-Tanz, zu unserem Vergnügen und dem unserer Gastgeberinnen. Beim Dorf- und Feldrundgang erhalten wir spannende Einblicke, treffen auf Bäuerinnen, neugierige Kinder und erfahren von unserem lokalen Guide Eli vieles über die lokalen Traditionen und das tägliche Leben. Nach einem Bad in den heissen Quellen in einem Badewannen-Häuschen, müssen wir schon ein erstes Mal Abschied nehmen, von den Menschen hier, die wir sofort ins Herz geschlossen haben.



Zum Glück finden wir mit der Crew unserer Bootsfahrt auf dem Tsiribihina-Fluss gleich unsere nächste Herzensfamilie für zweieinhalb Tage: Der junge Bootsguide Saturnin, die goldige Superköchin Marcelline, der einäugige Mechaniker, Kapitän Fara und Hilfsskipper Vaza. Im Zickzack-Kurs – schön ruhig ohne Schlaglöcher – fahren wir zwischen den Sandbänken durch, kreuzen Fischerboote und ziehen an ländlichen Szenen vorbei. Ein paar kleinere und grössere Krokodile und viele Vögel sind ebenfalls zu sichten von unserem Sonnendeck aus, wo etwas Kreuzfahrt-Feeling aufkommt. Bei einem schönen Wasserfall warten ein erfrischendes Bad im natürlichen Schwimmbecken und auch schon die ersten Lemuren. Wir geniessen den Luxus der Abgeschiedenheit und die Ruhe der Natur, werden bestens umsorgt und sehr fein bekocht von Marcelline. Mit Fisch direkt aus dem Fluss, obligatorischem Reis natürlich und was die Märkte unterwegs Frisches und Leckeres hergeben. Inmitten einer fröhlichen Runde tanzen wir am Abend mit unserer Crew und den Menschen aus umliegenden Dörfern zu madagassischen Rhythmen – und Patent Ochsners «Bonjour Hellville» – in die Nacht hinein. Die zwei Nächte verbringen wir wunderbar abgelegen in Zelten am Flussufer mit wunderschönsten Sonnenaufgängen.








Highlights im wahrsten Sinne des Wortes erleben wir bei der schwindelerregenden Kletterpartie durch die einzigartigen Tsingys von Bemaraha. Auf Leitern und über Hängebrücken geht es in luftige Höhen, wo scheinbar schwebende Toblerone-Stückli auf den Felsen balancieren. Über tiefe Schluchten, vorbei an grünen Oasen, die durch die Felsen wachsen, durch enge Felsspalten und robbend durch Höhlen. Die spektakuläre Felsnadellandschaft ist atemberaubend.
Der Mittagshalt in Belo sur Tsiribihina, nach einer langen holprigen Fahrt und mehreren Flussüberquerungen auf Holzbretter-«Fähren», stellt sich als kulinarische Überraschung heraus. Chef Onja zaubert hier seine raffinierten Gerichte im Mad Zebu, eines der besten Restaurants Madagaskars. Eine echte Gourmetküche mitten im Nirgendwo!






Die Piste führt uns durch eine Ebene mit Salzkrustenboden zu unserem Zwischenhalt in der Tsangajoly Lodge. Die ehemalige Schrimpsfarm inmitten von Mangroven ist heute eine Bungalow-Anlage im Fischerhüsli-Stil, mit einem Salzwasser-Pool, schön angelegt wie eine kleine Oase. Am Abend geht es auf Mausmaki-Safari. Die ersten leuchtenden Augen gehören Vögeln auf dem Boden mit winzigem Schnabel und riesigen Augen. Dann Chamäleons. Kleine blaue Glitzersteinchen im Laub bleiben unerkannt. Im Baum blitzen dann endlich die richtigen auf. Versteckt in einer Astgabel lugen die Riesenaugen und grossen Ohren von Mme Berthe hervor, unserer Mausmaki-Dame – der kleinste Primat der Welt.
Auf einem Vogelspaziergang am nächsten Morgen sichten wir Flamingos aus der Ferne und wir besuchen die malerischen Salinen. Trotz ihrer schweren Arbeit in der Hitze werden wir von den Leuten sehr freundlich empfangen und es ergibt sich eine lustige Fotosession.



Beim Kirindy Trockenwaldreservat – auch Schweizer Wald genannt – haben wir Glück und begegnen einem Fossa von ganz nah. Schon vor der Nachtwanderung habe ich ein tête-à-tête mit einem härzigen Mausmaki, im Wald spüren wir ganze vier weitere, nachtaktive Lemurenarten auf. In der Nähe, direkt beim verliebten Baobab, bietet die Akiba Lodge unter Einbezug der lokalen Bevölkerung eine komfortable, naturnahe Übernachtungsmöglichkeit und einen eigenen, weniger besuchten Lemurenwald.



Nächster Halt: Baobab Allee. Gemeinsam mit einem kunterbunten Gewusel von Einheimischen und Leuten aus aller Welt fangen wir die spezielle Stimmung bei diesen eindrücklichen Baumriesen ein. Gefühlt tausend Sonnenuntergangs-Baobabfotos später kommen wir nach einer kurzen Fahrt in Morondava an.



Kleine Bank-Odyssee…. Die einen sind zu, die Baobab Bank zwar offen, aber ohne Verbindung zum Hauptsitz – kein Wechselkurs, kein Geldwechsel. Nach einiger Warterei haben wir unsere Millionen (Ariary), können den Wassereinkauf erledigen und unser Pisten-Abenteuer der Westküste entlang Richtung Süden in Angriff nehmen.
Die karge Landschaft ist teils wie ein ausgetrocknetes Meer. Wir fahren über Sandebenen, mit kleineren Wasserdurchfahrten, vorbei an sehr einfachen, abgelegenen Dörfern. Das letzte Stück in Belo sur Mer geht durch die Lagune, die bei Flut ganz gefüllt ist und nur per Boot überquert werden kann. Im Entremer erwarten uns die Gastgeberinnen Laurence und die Strahlefrau Pascaline mit einem herzlichen Empfang und erfrischender Frauen-Power. Wir werden mit leckerstem Essen frisch aus dem Meer und wunderschönen Sonnenuntergängen verwöhnt. Die hübschen Bungalows im Sand «zwischen den Meeren» – wie es der Name sagt – sind ein kleines Barfuss-Paradies mit relaxtem Strandfeeling.




In Belo sur Mer werden bis heute die traditionellen «Boutre», grosse hölzerne Frachtsegelschiffe, von Hand gebaut. Wir segeln mit dem ehemaligen Apnoetaucher Miro und seiner Piroge gemächlich vorbei an kleinen Algen-Dörfern und Blautönen in allen Facetten zur malerischen Bucht von Menaky. Zurzeit sind nur zwei Schiffe hier im Salzhafen, die anderen warten in Morondava, bis der Südwind sich dreht, um dann zurückzusegeln. Genau wie in alten Zeiten.
Auf unserer Bootstour zum Kirindi Mitea Nationalpark birgt die Mangrovenlagune eine erste Überraschung: Hunderte Flughunde fliegen über unsere Köpfe, ein Spektakel, das uns staunen lässt. Dann erklimmen wir Dünen, die mit Tentakelkakteen überwachsen sind und wo sogar kleine, feine Blümchen spriessen. Oben die nächste Überraschung: Ein Garten Eden tut sich auf, grün, mit Seen, Flamingos und riesigen, uralten Baobabs. Ein magischer, etwas unwirklicher Ort. Der Schnorchel- und Picknickstopp auf einer einsamen Sandinsel mit türkisblauem Wasser, farbigen Fischli und Korallen, ist eine willkommene Pause auf dem langen, aber lohnenswerten Tagesausflug.




Die abwechslungsreiche Tagesfahrt Richtung Süden führt zuerst durch weite Meeres- bzw. Salzebenen mit eindrucksvollem Farbenspiel. Immer wieder geht die enge Sandpiste mitten durchs Gebüsch, wo die Äste einem um die Ohren flitzen. Es ist ein eindrücklicher Wechsel der Szenerie immer wieder: Leuchtend hellgrüne wilde Mangobäume, trockene Buschlandschaften, savannenartige Gegenden, wo man fast schon Zebras erwarten würde, saftig grüne Reisfelder, im Hintergrund ein wunderschöner Baobabwald. Es folgen sich x ausladende Banyan Bäume, trockene Kakteen-Wälder, dazwischen einfache, hübsch gebaute Dörfer. Leute unter Bäumen versammelt, Ochsenkarren, Menschen zu Fuss mit ihren Habseligkeiten, Hühnern, Hacken und grossen Säcken auf dem Kopf. Bilder eines einfachen Lebens, ziemlich abseits von allem.
Ab Manja fahren wir plötzlich unerwartet auf einer nigelnagelneuen Teerstrasse, ganze 80 km bis zum Mangoky-Fluss bei Bevoay. Obschon die Pläne für eine Brücke noch nicht umgesetzt sind, bleibt die befürchtete lange Wartezeit für die Fährüberfahrt aus. Wir halten die Luft an und fahren über einen Damm quer durch den Fluss. Jungs hängen sich dabei als Gegengewicht zur Strömung an unser Auto - ein neues Geschäftsmodell.



In Morombe legen wir einen Zwischenhalt in der «Stadt» ein, die sich eher als grösseres Dorf herausstellt. Wir verweilen etwas auf dem Markt und am Strand gleich dahinter, der hier ein Fischerhafen voller Pirogen ist. Durch weite Mangrovenebenen und Sandpisten geht es vorbei an Dörfern und Schulen. In der Gegend gibt es mehrere Projekte, um die abgelegenen Orte zu fördern und eine nachhaltigere Zukunft anzustreben.



Unterwegs tauchen auf einmal Zwergbaobabs auf – ein ganzer Wald davon, viel kleiner als die grossen Alten, dick und knorrig, jeder anders. In Andavadoaka kommen wir im kleinen Paradies der Olo Be Lodge an. Wie erwartet sehr geschmackvoll gestaltet, mit vielen detailreichen Dekoelementen, chic mit Naturtönen eingerichteten Zimmern. Die Anlage erhöht zwischen zwei Buchten ist fantastisch. Sogar vom Bad und der Aussendusche aus bietet sich ein Wahnsinnsausblick. Wir lassen uns verwöhnen und ziehen dann nur einen Katzensprung weiter an die andere Seite der Bucht, ins ebenfalls wunderschön gelegene Laguna Blu. Wir geniessen das Dolce far niente und: Pasta! Mit frischesten Meeresfrüchten, gezaubert vom Chef und Gastgeber Ernesto. Familiäre Atmosphäre all'Italiana an einem weiteren traumhaften Ort.
Per Piroge fahren wir raus zur Korallenbarriere, wo uns ein paar farbige Fischli beim Schnorcheln erwarten, leider aber keine Wale. Sie sind uns anscheinend immer ein paar Tage voraus auf ihrer langen Reise zurück in die Antarktis.






Ambatomilo und seine Bucht verschlägt uns dann vollends den Atem, mit einem fast unwirklichen Meer in allen Türkisschattierungen und einem endlosen, zuckerweissen Sandstrand. Die Mamirano Lodge von Rosanna ist ein kleiner Geheimtipp. Jeder Bungalow ist komplett individuell gestaltet und eingerichtet, frisch und mit unzähligen schönen Details. Pflanzen in der Aussendusche, das «Chateau» Zimmer hat schlossartige Steinbögen, eine Muschel dient als Wasserhahn, in einem Zimmer wurde sogar ein Baum integriert. Mamirano Bay reiht sich mit den beiden madagassischen Perlen Domaine d’Ambola und Ile aux Nattes als weiterer Sehnsuchtsort in meine persönlichen Meer- und Strandfavoriten ein.
Unglaubliche Blautöne und leuchtend weisse Strände begleiten uns bis nach Ifaty bzw. in den belebten Ort Mangily, wo unser Westküsten-Abenteuer nach 19 erlebnisreichen Tagen endet.
Zum Glück ist meine Reise aber noch nicht zu Ende hier - weitere zwei Wochen in Madagaskar und nochmal zwei Wochen vis-à-vis in Mozambique warten auf mich…



September / Oktober 2023