

Im Juni bereiste Fabienne Camenzind, Travel Expert Ozeanien bei Dreamtime, die Cook Inseln. Von Rarotonga über die traumhafte Lagune von Aitutaki bis zur ursprünglichen Insel Mangaia – eine Reise voller Weite, Herzlichkeit und unberührter Südsee. Lassen Sie sich begeistern.
Obwohl ich bereits einige Südseeinseln bereist habe, sind die Cook Inseln für mich völliges Neuland – entsprechend gross ist die Vorfreude. Mitten im Südpazifik gelegen, haben sie einen ganz eigenen Rhythmus: Die Herzlichkeit der Menschen, das entspannte Inselleben und die beeindruckende Natur schaffen eine Atmosphäre, die sofort in ihren Bann zieht.
Auf Rarotonga, der Hauptinsel, treffen üppig grüne Berggipfel auf türkisfarbenes Meer. Eine Strasse umrundet die gesamte Insel, vorbei an kleinen Ortschaften mit zahlreichen Unterkünften und Restaurants, an Palmenstränden sowie geschützten Korallenbuchten. Doch nicht die Sehenswürdigkeiten stehen im Mittelpunkt, sondern die besondere Atmosphäre: die Gelassenheit der Inselwelt, die Nähe zur Natur und die herzliche Gastfreundschaft der Menschen. All das macht Rarotonga zu einem Ort, der lange in Erinnerung bleibt.





Noch paradiesischer wirkt Aitutaki. Die weltberühmte Lagune mit ihren unzähligen Blau- und Türkistönen zählt zu den schönsten Orten der Welt. Kleine, von Palmen gesäumte Inseln liegen wie verstreut im glasklaren Wasser, während die Zeit scheinbar stillsteht. Ganz gleich, ob man die Unterwasserwelt erkundet, über die Lagune gleitet oder einfach den Sand zwischen den Zehen spürt – Aitutaki erfüllt alle Vorstellungen von einem tropischen Inselparadies.
Wer mehr Zeit mitbringt und die Cookinseln intensiver kennenlernen möchte, ergänzt die Reise manchmal um einen Besuch auf Atiu. Die drittwichtigste Insel für den Tourismus ist bekannt für ihre ursprüngliche Natur, ihre Kalksteinhöhlen, die reiche Vogelwelt und das authentische Inselleben fernab grösserer Resorts. Zudem wird auf Atiu seit vielen Jahren Kaffee angebaut. Die Insel gilt als Heimat des bekannten Atiu Coffee, der unter Kaffeeliebhabern einen ausgezeichneten Ruf geniesst.
Für mich ist von Anfang an klar, dass ich nicht nur Rarotonga und Aitutaki besuchen möchte. Obwohl Atiu mit seinem berühmten Kaffee durchaus verlockend wäre, entscheide ich mich für die noch weniger bekannte und selten bereiste Insel Mangaia. Die älteste und am südlichsten gelegene Insel der Cookinseln empfängt mich mit einer rauen Schönheit, dramatischen Klippen, tief verwurzelten Traditionen und einer Gelassenheit, die man nur an Orten findet, die vom Massentourismus weitgehend unberührt geblieben sind. Ich bin die einzige Touristin auf Mangaia und schon bei meiner Ankunft wird mir klar, dass mich hier eine ganz andere Seite der Cook Inseln erwartet, worüber ich gerne ein bisschen ausführlicher berichte.



Mangaia erreicht man in rund 45 Flugminuten von Rarotonga. Schon die Landung ist ein Erlebnis für sich: Das Flugzeug setzt auf einem staubigen, nicht asphaltierten Rollfeld auf. Das Gepäck wird mit einem einfachen Pickup vom Flugzeug zum kleinen Flughafenhäuschen gebracht. Dort wartet bereits die Inselgemeinschaft – gefühlt alle rund 400 Einwohnerinnen und Einwohner –, die die Heimkehrenden und mich als einzige Touristin herzlich empfängt. Es ist ein ungewohntes Gefühl, auf einer ganzen Insel die einzige Reisende zu sein und für einen Moment wirkt alles fast surreal. Doch die anfängliche Verunsicherung weicht schnell einer grossen Wärme, als mir eine liebevoll gebundene Blumenkette umgelegt wird und ich mit offenen Armen willkommen geheissen werde. Die kommenden drei Nächte verbringe ich im einzigen kleinen Gästehaus der Insel – einfach, aber sehr gemütlich. Nach einer herzlichen Begrüssung durch mehrere Einheimische, mit denen ich die nächsten Tage verbringen werde, gibt es ein gemeinsames Mittagessen. Danach nimmt mich die ortsansässige Ina auf eine spannende Inseltour mit.
Mangaia selbst ist aus einem uralten Korallenring (Makatea) entstanden, der im Laufe der Zeit aus dem Meer gehoben wurde und heute deutlich über dem Wasser liegt. Diese markanten Kalksteinklippen bilden einen ringförmigen Schutzwall um das grüne, fruchtbare Inselinnere. Dort entfaltet sich eine überraschend üppige Landschaft mit dichter tropischer Vegetation, Taro-Feldern und kleinen, verstreuten Dörfern. Besonders faszinierend sind die schroffen Felsformationen, steilen Abhänge und geheimnisvollen Höhlen entlang der Küste, die im starken Kontrast zum dschungelartigen Inland stehen. Alles wirkt ursprünglich, rau und zugleich von einer fast mystischen Ruhe geprägt – eine Insel, die sich anfühlt, als wäre sie ein eigenes kleines Universum.
Massentourismus gibt es auf Mangaia nicht. Statt Resorts und Menschenmengen erwarten mich kleine Dörfer, ehrliche Begegnungen und eine Authentizität, die man auf bekannteren Inseln nur noch selten findet. Die Menschen sind tief mit ihrer Heimat und ihren Traditionen verbunden und tragen diese mit Stolz in ihren Alltag.

Jährlich finden nur wenige Touristen den Weg nach Mangaia. Umso bemerkenswerter ist die Offenheit der Menschen: Schon nach kurzer Zeit geben sie mir das Gefühl, dazuzugehören – nicht als Besucherin, sondern als Teil ihrer Gemeinschaft.
Der Besuch der Tuatini Höhle am Morgen des zweiten Tages beginnt mit einer kleinen Herausforderung. Die heftigen Regenfälle der Nacht haben die Wege in schlammige Pfade verwandelt. Gemeinsam mit meinen erfahrenen Guides Ina und Taoi mache ich mich auf den Weg durch den dichten Dschungel, begleitet von einer gefühlt endlosen Schar von Moskitos.
Die Tuatini Höhle liegt im Süden von Mangaia, unweit des Lake Tiriara. Ihr Eingang wirkt unscheinbar, doch dahinter verbirgt sich ein weit verzweigtes System aus Gängen und gewaltigen Hallen, das tief in den uralten Korallenkalk der Insel hineinreicht. Während wir die Höhle erkunden, teilen Ina und Taoi ihr beeindruckendes Wissen über die Geschichte, Geologie und kulturelle Bedeutung dieses besonderen Ortes. Mit ihren Erzählungen wird die Höhle weit mehr als nur eine geologische Sehenswürdigkeit. Besonders beeindruckend ist ihre Ursprünglichkeit. Nichts wirkt künstlich oder für Besucher inszeniert. Stattdessen fühlt es sich an, als betrete man eine verborgene Unterwelt, die über Jahrtausende hinweg allein von den Kräften der Natur geformt wurde. Neben der Tuatini Höhle gibt es noch unzählige weiteren Höhlensysteme auf Mangaia, die sich durch die jahrtausendealten Korallenformationen ziehen. Viele dieser Höhlen dienten einst als Zufluchtsorte und erzählen von der bewegten Geschichte der Insel. Am Nachmittag lerne ich den traditionellen «Pupu»-Schmuck kennen – handgefertigte Muschelarbeiten mit tiefer kultureller Bedeutung, die weit mehr sind als ein Souvenir. Ebenso erfahre ich, wie aus Pflanzenfasern Schnüre geflochten wurden, mit denen einst Kanus gebaut wurden – lange vor Nägeln und modernem Werkzeug.
Mein letzter Tag auf der Insel fällt auf einen Sonntag – und wie es in der Südsee üblich ist, steht der Kirchenbesuch im Mittelpunkt des Tages. Ina nimmt mich mit zum Gottesdienst, welcher heute etwas anders als sonst ausfällt, da die Messe vor allem im Zeichen der Dorfkinder steht. Da in der Kirche «Cook Islands Maori» gesprochen wird, verstehe ich kein Wort. Doch der Gesang geht direkt unter die Haut. Auf der Insel gibt es viele Kirchen und auch wenn heute nur rund 30 Personen anwesend sind, klingt der Chor viel grösser und erfüllt den Raum mit beeindruckender Kraft. Im Anschluss an den Gottesdienst findet direkt neben der Kirche ein gemeinsames Mittagessen mit Musik und Gesang statt. Jede Frau bringt etwas zu essen mit und alle dürfen sich bedienen. Noch nie habe ich auf einmal so viel Essen gesehen und wieder spüre ich: Ich bin nicht nur Gast, sondern Teil der Gemeinschaft – alle kümmern sich aufrichtig um mein Wohl. Am Nachmittag führt mich Ina noch zum Ara’oa Beach, der oft als der malerischste Strand der Insel gilt. An der Nordspitze gelegen, beeindruckt er mit weissem Sand, dunkelgrauen, versteinerten Korallenfelsen.
Nach ein paar Tagen auf Mangaia, die mich tief berührt haben, ist es nun an der Zeit, wieder nach Rarotonga zu fliegen, wo mein Aufenthalt auf den Cook Inseln zu Ende geht. Unzählige Bewohnerinnen und Bewohner der Insel kommen zum Flughafen, um mich mit herzlichen Umarmungen zu verabschieden – und nicht nur ich habe feuchte Augen.
Mangaia ist keine klassische Südseeinsel – sie ist eine Welt für sich und genau das macht ihren Reiz aus. Abseits der bekannten Routen zeigt sie eine ursprüngliche und authentische Seite der Cook Inseln, die nur wenige Reisende je erleben. Eine Empfehlung mit Überzeugung – aber auch mit einer nicht ganz unwichtigen Anmerkung: Wer Komfort und Infrastruktur sucht, ist auf Mangaia falsch. Neugierige, abenteuerlustige Reisende mit Entdeckergeist hingegen werden reichlich belohnt.





Juni 2026